Die wichtige Typfrage in der Fertigung
Vor 100 Jahren erfand Henry Ford das Fließband und optimierte damit das Prinzip der Fließfertigung. Mit dieser Idee konnten die Produktionskosten signifikant gesenkt werden. Doch auch nach 100 Jahren steht trotz des großen Erfolges nicht in jedem Betrieb ein Fließband. Denn die Gestaltung der Produktions-Logistik ist in starkem Maße abhängig von dem Organisationstyp der Fertigung. Je nach Ausprägung werden ganz unterschiedliche Anforderungen an die Logistik innerhalb eines Betriebs gestellt.
Die Organisationstypen der Fertigung
Die Produktionsprozesse von Porzellanware und Autos sind logischerweise unterschiedlich. Die Unterscheidung prozessbezogener Produktionstypen erfolgt dabei anhand der organisatorischen Anordnung der Produktiveinheiten sowie der Struktur der Produktionsprozesse. Diese Struktur bezieht sich auf die Form und Kontinuität des Materialflusses und die Ortsbindung der Produkte. Grundsätzlich lassen sich drei Arten der Organisationstypen der Fertigung unterscheiden - die Werkstatt-, Fließ- und Zentrenfertigung. Alle haben jeweils spezifische Auswirkungen auf die Produktions-Logistik.
Werkstattfertigung
Für die Produktion von Porzellan werden mehrere Werkstätten z. B. zum Modellieren, Schleifen, Dekorieren, Brennen und Putzen eingerichtet. Eine Werkstatt umfasst dabei die Produktiveinheiten, die gleichartige Bearbeitungsaufgaben erfüllen und räumlich und organisatorisch zusammengefasst werden. Dazu werden beispielsweise für jede Porzellan-Sorte Bearbeitungsvorgänge festgelegt. Jeder Fertigungsauftrag muss entsprechend der Reihenfolge zu den einzelnen Werkstätten transportiert werden. Dabei kann es vorkommen, dass ein Auftrag mehrfach zu derselben Werkstatt transportiert werden muss. Dies führt zu einer Vielzahl von Transportvorgängen.
Häufig sind bei der Werkstattfertigung Zwischenlagerbestände Zwischenlager notwendig. Denn der Materialtransport zu der jeweils nächsten Bearbeitungsstätte erfolgt typischerweise unzusammenhängend in Losen unterschiedlicher Auflagenhöhe. Zudem ist es schwierig, die Arbeits- und Transportvorgänge exakt aufeinander abzustimmen. So können Zwischenlagerbestände nötig sein, weil Aufträge vor einem Arbeitssystem auf die Bearbeitung oder nach erfolgter Bearbeitung auf den Weitertransport warten. Hinzu kommt das Problem, Kapazitätsbedarf und -angebot unter Beachtung der Liefertermine optimal zu koordinieren [1].
Fließfertigung
Wie bereits vor 100 Jahren bei Ford werden Autos auch noch heute mit Hilfe eines Fließbandes hergestellt - dabei werden Stationen wie das „Presswerk“, der „Karosseriebau“, die „Lackiererei“, „Montage“ und „Qualitätskontrolle“ durchlaufen. Die Produktiveinheiten sind bei der Fließfertigung nach dem Objektprinzip bzw. nach den Arbeitsplänen der zu bearbeitenden Erzeugnisse angeordnet.
Anders als bei der Werkstattfertigung haben Fehlmengen aufgrund der Verkettung der Produktiveinheiten einen Einfluss auf den gesamten Produktionsprozess. Daher ist in Bezug auf die Materialbereitstellung Materialbereitstellung eine permanente Verfügbarkeit der Einsatzgüter wünschenswert. Diese wird jedoch z. B. durch Betriebsmittelstillstand, Werkzeug- und Personalausfall ständig bedroht, so dass zusätzliche Pufferlager eingerichtet werden. Um die Produktiveinheiten kontinuierlich zu versorgen, wird bei der Automobilherstellung oft das Kanban-System KANBAN angewendet [1].
Zentrenfertigung
Ähnlich wie bei der Werkstattfertigung werden bei der Zentrenfertigung Produktiveinheiten zu Gruppen zusammengefasst. Allerdings werden die Betriebsmittel innerhalb der Gruppe nach dem Fließprinzip angeordnet. So wird versucht, die Vorteile von Werkstatt- und Fließfertigung optimal auszunutzen.
Die räumliche Zusammenfassung führt dazu, dass die Transportwege erheblich verkürzt und vereinfacht werden. Auch die Transportleistung, die zur Produkterstellung oder Bearbeitung eines Auftrags erforderlich ist, kann entsprechend reduziert werden. Die Vorteile der Zentrenfertigung sind die Reduzierung der Wartezeiten bei Aufträgen, die damit verbundene Bestandsminimierung in den Zwischenlagern Zwischenlager sowie die Verkürzung der Durchlaufzeiten Durchlaufzeit . Die in einer Fertigungsinsel arbeitenden Mitarbeiter sind dabei neben ihren Produktionsaufgaben häufig auch für den Transport zur und innerhalb der Fertigungsinsel Fertigungsinsel , den Umschlag und die Lagerung des Materials zuständig [1].
Programmbezogene Produktionstypen
Die programmbezogenen Produktionstypen orientieren sich an den zu produzierenden Produkten. Als Merkmale zur Typenbildung dienen dabei die Produkteigenschaften, die Anzahl der Erzeugnisse und die Auflagengröße. So werden z. B. Bier, Schuhe, Autos und Flugzeuge nicht mit dem gleichen Produktionstyp hergestellt. Grundsätzlich lassen sich die Produktionstypen in Massen-, Sorten-, Serien- und Einzelfertigung einteilen. Die Wahl eines Produktionstyps hat dabei unmittelbaren Einfluss auf die Produktions-Logistik.
Massenfertigung
Produkte wie Bier oder Zement werden massengefertigt. In der Massenfertigung hat die Produktions-Logistik die Aufgabe, über lange Zeiträume die Produktiveinheiten mit denselben Einsatzgütern zu versorgen. Notwendig sind hier Logistiksysteme, die mit einem hohen Mechanisierungsgrad möglichst störungsfrei kontinuierlich dieselbe Leistung erbringen können [1].
Sortenfertigung
Schuhe, Gummibärchen oder Fruchtjoghurt werden ebenfalls massengefertigt - es wird jedoch von Sorte zu Sorte gewechselt. Bei der Sortenfertigung - einem Spezialfall der Massenfertigung - muss bei jedem Sortenwechsel der Produktionsprozess unterbrochen und die Produktionsanlage auf eine neue Sorte umgestellt werden. Logistikrelevante Probleme sind hier die Festlegung der Sortenreihenfolge und der Fertigungslosgrößen [Fertigungslosgröße], die einen Einfluss auf die Höhe der entstehenden Lagerbestände haben [1].
Serienfertigung
Ein typisches Beispiel für die Serienfertigung ist die Herstellung verschiedener Modelle einer Automarke. Bei der Serienfertigung werden zur Produktion der einzelnen Serien die gleichen Produktionsanlagen benutzt. Diese müssen dazu entsprechend umgerüstet werden, was in der Regel mit besonderen Kosten verbunden ist. Daher ist die Planung der Fertigungslosgrößen [Fertigungslosgröße] besonders wichtig. Die Logistiksysteme müssen bei diesem Produktionstyp flexibler als bei der Massen- und Sortenfertigung sein [1].
Einzelfertigung
Flugzeuge, Schiffe, große Maschinen und Anlagen werden einzeln gefertigt. Bei dieser Einzelfertigung ist die Flexibilität der Produktions-Logistik am größten, da die Fertigung fast immer aufgrund eines individuellen Kundenauftrags erfolgt. Das produktionslogistische System muss dabei in der Lage sein, die Produktiveinheiten mit Einsatzgütern zu versorgen, die in der Art und Menge ständig wechseln [1].
Literatur-Empfehlungen
Logistiksysteme | Pfohl 2004
Fundamentals of Production Logistics | Nyhuis / Wiendahl 2008
Quellen
[1] Logistiksysteme | Pfohl 2004


